#4 Geschichten, die das Leben schreibt

08. Juni 2026

Es war bereits dunkel, als wir zum Totengebet am Abend vor der Beerdigung meines Urgroßvaters in der Aufbahrungshalle ankamen.

Vier Generationen meiner Familie hatten sich zu beiden Seiten des Sarges versammelt. Meine engste Familie und ich waren die Letzten, die eintrafen, bevor die übrige Trauergemeinde hereinkam.

Auf dem Sarg lag ein großes Blumengesteck. Rechts davon standen Kränze, und zwei Sträuße mit orangefarbenen Lilien waren mitgebracht worden, um in Vasen am Fußende des Sarges aufgestellt zu werden.

Doch noch bevor wir ankamen, hatte meine Verwandtschaft bereits eine Entscheidung getroffen.

Meine ältere Schwester und ich sollten während des gesamten fünfundvierzigminütigen Totengebets jeweils einen der Blumensträuße halten. Wir sollten mit beiden Händen auf Bauchhöhe die Blumen festhalten und dabei der Trauergemeinde zugewandt stehen.

Als meine Schwester fragte:

„Warum halten nicht die Buben die Blumen? Sie sind doch älter als wir?“

senkte eine meiner Tanten den Blick zum Boden.

Die eine Person, die etwas hätte sagen können, antwortete lediglich:

„Weil ihr Mädchen seid.“

Mit sechs Jahren hatte ich keine Worte für das, was ich fühlte.

Ich wusste nur, dass mich diese Antwort verletzte.

Sie ließ mich kleiner fühlen.

Weniger wichtig.

Es erschien mir nicht fair.

Zu Hause hatte meine Mutter meinem älteren Bruder, meiner Schwester und mir immer wieder gesagt, dass wir alle gleich wichtig seien. Es war ihr wichtig, dass wir Mädchen eines Tages selbstständige Frauen werden.

Und doch verstand ich in diesem Moment nicht, warum die Buben sitzen durften, während wir stehen mussten.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich die Buben ansah und mich fragte, was sie von uns unterschied.

Mit sechs und sieben Jahren nahmen wir die Blumensträuße entgegen und erfüllten unsere Aufgabe.

Meine Schwester wurde rechts neben dem Sarg platziert. Leise versuchte ich, ihr zu folgen.

Ich wollte neben ihr stehen.

Sie war mein sicherer Hafen.

Doch stattdessen spürte ich eine große Hand auf meiner Schulter, die mich bestimmt auf die andere Seite führte.

Ich traute mich nicht, etwas zu sagen.

Ich fragte nicht, ob ich bei meiner Schwester stehen durfte.

Ich weinte nicht.

Zu oft hatte ich bereits gehört, dass ich sensibel sei und schnell weine. Also blieb ich dort stehen, wo man mich hingestellt hatte, und versuchte mein Bestes.

Die übrigen Familienmitglieder nahmen ihre Plätze entsprechend ihres Alters, ihrer Generation und ihrer Stellung innerhalb der Familie ein.

Mein Blick suchte meinen älteren Bruder. Er saß bequem neben unserem ältesten Cousin in der Reihe hinter den Eltern.

Ich fühlte mich von allen anderen getrennt.

Ich wollte dort nicht stehen.

Außerhalb unseres Zuhauses hatte ich bereits gelernt, brav zu sein, höflich zu sein und keinen Aufstand zu machen.

Heute fühlt es sich an, als wäre mir an diesem Abend noch eine weitere Rolle zugewiesen worden: Zwei kleine Mädchen sollten dazu beitragen, dass die Familie vor der Öffentlichkeit ein gutes Bild abgab.

Eigentlich ging es gar nicht um die Blumen.

Es ging um den äußeren Eindruck.

Also tat ich, was ich immer getan hatte.

Ich blieb still und machte, was man von mir erwartete.

Früher an diesem Tag hatte ich etwas erlebt, das ich nicht verstand.

Ich sah meinen Urgroßvater die Einfahrt zu unserem Haus heraufgehen. Er trug denselben alten Hut wie immer und ging am Küchenfenster vorbei, als hätte sich nichts verändert.

Ich sah ihn ganz deutlich.

Als ich meiner Mutter erzählte, was ich gerade gesehen hatte, bügelte sie weiter unsere Kleidung für die Beerdigung.

Von Trauer erfüllt und mit den Vorbereitungen beschäftigt erinnerte sie mich daran, dass er gestorben war.

Doch ich wusste, was ich gesehen hatte.

Niemand konnte mich vom Gegenteil überzeugen.

In diesem Alter sah ich Verstorbene genauso klar wie mein eigenes Spiegelbild.

Für mich gab es keinen Unterschied.

Ich wusste nicht, dass das Sehen von Geistwesen eine Fähigkeit war. Für mich war es nichts Besonderes.

Es geschah einfach.

Während ich in der Aufbahrungshalle stand, ging mir immer wieder dieselbe Frage durch den Kopf:

Wenn er lebt, warum liegt er dann in diesem Sarg?

Ich war zutiefst verwirrt.

Nur wenige Stunden zuvor hatte ich ihn noch vor unserem Haus gesehen. Für mein sechsjähriges Verständnis konnten nicht beide Dinge gleichzeitig wahr sein.

Langsam füllte sich der Raum mit Menschen in schwarzer Kleidung.

Viele weinten.

Andere hatten so ernste Gesichter, dass sie mir Angst machten.

Ich blickte von den Trauernden zum Sarg und wieder zurück und versuchte zu verstehen, was alle anderen offenbar verstanden.

Als das Totengebet begann, hatte ich bereits Mühe, den Blumenstrauß zu halten.

Er war riesig.

Die Blumen reichten von meiner Brust fast bis zum Becken. Meine Finger waren so klein, dass sie die Stiele kaum umschließen konnten. Meine Arme schmerzten unter dem Gewicht. Immer wieder sanken sie nach unten, und immer wieder zwang ich sie zurück in Position.

Ein jüngerer Cousin und seine kleine Schwester saßen rechts neben dem Sarg zwischen ihren Eltern. Jeder von ihnen hielt einen kleinen Strauß roter Zwergrosen.

Ich fand ihre Blumen viel schöner.

Und ich war neidisch.

Sie durften bequem bei ihren Eltern sitzen, während ich mit einem Blumenstrauß dastand, der viel zu groß für mich war.

Ich blickte über den Sarg hinweg zu meiner Schwester.

Sie stand ruhig und aufrecht.

Ihr Blick war fest auf die Trauergäste gerichtet.

Mehrmals versuchte ich, ihren Mut nachzuahmen und ebenfalls aufzusehen.

Doch ich war schrecklich schüchtern.

Jedes Mal wanderte mein Blick wieder zum Boden.

Immer wieder sah ich zu meiner Mutter hinüber und hoffte, dass sich unsere Blicke treffen würden.

Ich hoffte auf ein Lächeln.

Ein Nicken.

Ein wenig Zuspruch.

Irgendetwas, das sich tröstlich angefühlt hätte.

Doch es kam nicht.

Das Totengebet schien endlos zu dauern.

Als es schließlich vorbei war, bedankte sich keiner der Erwachsenen bei uns.

Niemand sagte:

„Das habt ihr gut gemacht.“

Niemand würdigte, was wir getan hatten.

Nicht einmal meine Schwester, die die gesamte Zeit über bemerkenswerte Stärke gezeigt hatte.

Ich erinnere mich noch daran, wie erschöpft ich an diesem Abend ins Bett ging.

Heute verstehe ich, dass es mehr als körperliche Erschöpfung war.

Ich fühlte mich leer.

Einsam.

Weniger wichtig als alle anderen.

Am nächsten Tag, während der Beerdigung, als der Sarg in das offene Grab hinabgelassen wurde, verstand ich schließlich den Unterschied zwischen den Lebenden und den sogenannten Toten.

Der Unterschied war der physische Körper.

Von diesem Moment an wusste ich, dass die Menschen, die ich manchmal sah, körperlich nicht mehr hier waren, auch wenn ich sie weiterhin wahrnehmen konnte.

Ein Teil meines sechsjährigen Ichs steht noch immer in dieser Aufbahrungshalle.

Wahrscheinlich erinnert sich niemand sonst mehr daran, dass dort zwei kleine Mädchen neben einem Sarg standen und Blumen hielten, die genauso gut in Vasen hätten stehen können.

Doch ich erinnere mich.

Bis heute erfüllt mich diese Erinnerung mit Unglauben.

Aber ich weiß auch etwas anderes.

Ich werde weiter heilen.

Ich werde dem kleinen Mädchen helfen, aus diesem eingefrorenen Moment herauszutreten, den es so lange mit sich getragen hat.

Denn sie war damals wertvoll.

Und sie ist es heute noch.

Und an meine Schwester, die mit nur sieben Jahren den Mut hatte, diese Frage zu stellen:

Danke.

Ich bin dir von Herzen dankbar für deinen Mut.

Oft sind es die Momente, die niemand sonst mehr erinnert, die uns am stärksten prägen.

Und genau diese Momente verbringen wir manchmal ein Leben lang damit, zu heilen.

Vielleicht gibt es auch in deinem Leben eine Erinnerung, die noch immer in dir lebt und darauf wartet, gesehen, verstanden und schließlich losgelassen zu werden.

Das Leben hat mich gelehrt, dass Heilung nicht bedeutet, die Vergangenheit zu verändern.

Heilung bedeutet, uns heute das zu geben, was wir damals gebraucht hätten.

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